Artikel: Strong Voice Interview #45: Anna Weber
Strong Voice Interview #45: Anna Weber
Anna Weber ist Familienunternehmerin, Beirätin und ehemalige Co-CEO von BabyOne – einem der führenden Babyfachhändler Deutschlands mit über 1.400 Mitarbeitenden und 104 Standorten. Sie ist überzeugt, dass wirtschaftlicher Erfolg und menschliche Führung kein Widerspruch sind. Während der Corona-Pandemie trieb sie gemeinsam mit ihrem Team die digitale Transformation des Unternehmens in außergewöhnlichem Tempo voran. Heute engagiert sie sich in Beiräten und setzt sich für eine neue Art von Führung ein: klar in der Haltung und menschlich im Umgang. Als Mutter ist sie überzeugt, dass Elternschaft Fähigkeiten wie Pragmatismus, Fokus und die Bereitschaft loszulassen stärkt – Qualitäten, die im Business oft unterschätzt werden.
Im Strong Voice Interview spricht Anna Weber darüber, warum erfolgreiche Führung Wärme und Klarheit vereint, wie sie BabyOne während der Corona-Pandemie neu ausgerichtet hat und weshalb sie das Muttersein als einen der meistunterschätzten Wettbewerbsvorteile in der Führung sieht.

Du führst ein Familienunternehmen in einer Zeit, in der sich Arbeitswelt und Erwartungen stark verändern. Was treibt dich heute als Unternehmerin wirklich an?
Mich treibt die Überzeugung an, dass es einen Unterschied macht, wie wir führen – nicht nur, was wir entscheiden. Ich erlebe eine große Sehnsucht nach Führungspersönlichkeiten, die klar sind, aber nicht kalt. Die Haltung zeigen und gleichzeitig zuhören. Ich möchte beweisen, dass wirtschaftlicher Erfolg und Menschlichkeit kein Widerspruch sind.
Gleichzeitig beschäftigt mich die demografische Entwicklung in Deutschland. Sinkende Geburtenzahlen sind eine enorme Herausforderung – und ich wünsche mir, dass wir darüber als Gesellschaft viel ernsthafter sprechen.
Wie hat sich dein Verständnis von Führung im Laufe deiner Karriere verändert – und was bedeutet gute Führung heute ganz konkret für dich?
Ich möchte mit Menschen arbeiten, die ihren Job nicht nur machen, sondern lieben. Dafür braucht Führung aus meiner Sicht zwei Dinge: Wärme und Klarheit.
Was ich gelernt habe: Toxische Harmonie ist gefährlicher als offener Konflikt. Wer schwierigen Gesprächen aus dem Weg geht, verhindert die Entwicklung. Das ist Stillstand mit netter Verpackung. Echtes Feedback ist manchmal unbequem – aber genau darin liegt Wertschätzung.
Heute formuliere ich klarer und treffe Entscheidungen konsequenter. Ein Beispiel war unsere Rückkehr zu verbindlichen Präsenzregeln nach dem Experiment „Work from Anywhere". Nicht jeder war begeistert, aber ich bin überzeugt: Struktur schafft Vertrauen. Auch wenn sie im ersten Moment unbequem ist.
Was bedeutet Erfolg für dich persönlich heute – jenseits von Umsatz, Wachstum oder klassischen Kennzahlen?
Erfolg bedeutet für mich heute, dass Menschen durch die Zusammenarbeit mit mir wachsen. Dass sie mehr Verantwortung übernehmen, mutiger werden und sich Dinge zutrauen, die sie vorher nicht für möglich gehalten hätten.
Ich bin stolz auf die Größe des Unternehmens, das ich mitführen durfte. Wirklich in Erinnerung bleiben mir aber die Momente, in denen Mitarbeitende über sich hinausgewachsen sind. Nicht weil ich es ihnen beigebracht habe — sondern weil wir gemeinsam einen Raum geschaffen haben, in dem Wachstum möglich war. Das ist mein eigentlicher Maßstab für Erfolg.
Ein Unternehmen mit Geschichte weiterzuentwickeln bringt auch emotionalen Druck mit sich. Wie gehst du mit dieser Verantwortung um?
Verantwortung ist nichts, das mir passiert ist – ich habe sie bewusst gewählt.
Unternehmertum bedeutet, Entscheidungen zu treffen und für ihre Konsequenzen einzustehen. Das kann belastend sein, gleichzeitig ist genau diese Gestaltungsfreiheit ein großes Privileg. Freiheit und Verantwortung sind für mich zwei Seiten derselben Medaille. Wer wirklich frei gestalten will, muss auch wirklich bereit sein, dafür einzustehen. Ich glaube, das ist einer der größten Unterschiede zwischen Unternehmertum und allem anderen. Und ja — das hat einen Preis. Nächte, in denen schwierige Entscheidungen einen nicht loslassen. Momente, in denen man nicht weiß, ob man richtig liegt. Das gehört dazu. Aber ich würde es jederzeit wieder so wählen.
Was mir hilft: klare Strukturen, offene Kommunikation und Menschen, denen ich vertraue. Verantwortung wird leichter, wenn man sie nicht alleine trägt.
Gab es eine Entscheidung in deiner Karriere, die sich gleichzeitig richtig und beängstigend angefühlt hat?
Corona war ohne Zweifel die größte Herausforderung. Innerhalb kürzester Zeit brachen über 95 Prozent unseres Umsatzes weg.
Statt am Alten festzuhalten, haben wir konsequent neu gedacht: Wir haben unser Onlinegeschäft massiv ausgebaut, Mitarbeitende in digitale Beratung gebracht und neue Formate wie WhatsApp-Beratung eingeführt. Alles Dinge, die wir nie gemacht hatten, von denen wir nicht wussten, ob sie funktionieren würden. Wir haben einfach ausprobiert.
Das war beängstigend – aber die größte Stärke war unser Team. Niemand fragte, ob etwas überhaupt möglich ist, sondern alle suchten nach Lösungen und haben sich nicht von der Situation lähmen lassen.
Hat das Muttersein deine Art, Prioritäten zu setzen oder Entscheidungen zu treffen verändert?
Für mich war nie die Frage, ob Familie und Unternehmertum zusammenpassen. Beides gehörte immer zu meinem Lebensentwurf.
Was sich verändert hat, ist meine Struktur. Mit Kindern trifft man Entscheidungen schneller und pragmatischer, weil es oft keine andere Wahl gab. Das hat mich effizienter gemacht.
Gleichzeitig zeigt unsere Familie, dass Rollen nicht festgelegt sind – mein Mann übernimmt den Großteil der Organisation. Ich glaube außerdem, dass Eltern — und besonders Mütter — Qualitäten mitbringen, die in Führung und Unternehmertum massiv unterschätzt werden. Die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig im Blick zu behalten. Pragmatismus. Die Bereitschaft, Dinge loszulassen, die nicht wesentlich sind. Und eine sehr klare Vorstellung davon, was wirklich zählt. Das sind keine weichen Faktoren. Das sind Wettbewerbsvorteile.
Was würdest du Frauen raten, die viel wollen – beruflich wie persönlich?
Erstens: Hört auf, euch zu entschuldigen. Für Ambition. Für den Wunsch nach Karriere. Für den Wunsch nach Familie. Für beides gleichzeitig.
Zweitens: Baut euch ein vielfältiges Netzwerk auf.Kein Netzwerk, das nur aus Menschen besteht, die so sind wie ihr. Denn die spannendsten Gespräche entstehen oft dort, wo man sich zunächst nicht selbstverständlich fühlt.
Drittens und das ist vielleicht das Unbequemste: Schaut auch auf euch selbst: Strukturen sind wichtig, aber wir reproduzieren Rollenbilder manchmal auch gegenseitig.
Und zuletzt: Vertraut eurer eigenen Einschätzung. Die Entscheidungen, die sich gleichzeitig richtig und beängstigend anfühlen, sind oft die wichtigsten.








