Artikel: Strong Voice Interview #43: Laura Dittscheid
Strong Voice Interview #43: Laura Dittscheid
Sie hat einige der bekanntesten Consumer Brands Deutschlands aufgebaut und Millionen von Menschen erreicht. Nach erfolgreichen Führungspositionen im Marketing entschied sie sich bewusst für einen Neuanfang - und gründete noola.
Mit noola entwickelt sie Produkte für Frauen, die viel leisten und deren Energie im Alltag oft als selbstverständlich betrachtet wird. Ihre Perspektive verbindet die Erfahrung aus dem Aufbau großer Marken mit den Herausforderungen des Unternehmertums und dem Anspruch, Produkte gemeinsam mit Frauen statt nur für Frauen zu entwickeln.
In diesem Interview spricht sie darüber, warum sie Sicherheit gegen Gestaltungsfreiheit eingetauscht hat, weshalb viele Frauen dauerhaft erschöpft sind und wie sich ihre Sicht auf Erfolg, Führung und Selbstbestimmung im Laufe der Jahre verändert hat.
Du hast jahrelang Marken aufgebaut, die Millionen von Frauen erreicht haben. Und dann bist du gegangen. Was hat dich das gekostet - und was hat es dir zurückgegeben?
Gekostet hat es mich erstmal Sicherheit. Titel, Gehalt, das Gefühl, dass von außen klar ist wer ich bin. Du gibst eine Bühne ab, auf der du gut warst und stehst plötzlich wieder am Anfang. Das ist unbequemer als es von außen aussieht.
Zurückgegeben hat es mir Gestaltungsfreiheit. Zum ersten Mal kann ich eine Marke, ein Team, ein ganzes Marketing genau so aufbauen wie ich es für richtig halte. Von Null an, ohne Kompromisse, ohne Strukturen die schon vor mir da waren. Jede Entscheidung bei noola ist eine, die ich selbst treffe und hinter der ich zu hundert Prozent stehe. Das ist ein riesiges Privileg, das ich vorher so nie hatte.
Frauen leisten heute mehr als jede Generation vor ihnen - und sind trotzdem öfter erschöpft. Woran liegt das wirklich?
Weil das Meiste, was Frauen leisten, unsichtbar ist. Wir reden über Karriere und Gleichberechtigung, aber den Mental Load trägt am Ende meistens eine. Wer denkt an den Arzttermin, das Geschenk, den leeren Kühlschrank, die Stimmung im Team und zuhause gleich mit. Das steht vielleicht nicht direkt auf der To-do-Liste, kostet aber jeden Tag Energie.
Dazu kommt: Wir haben gelernt, dass Erschöpfung einfach dazugehört. Dass Funktionieren der Normalzustand ist. Und der ganze Energy-Markt war jahrelang für Männer gemacht, für Gaming und Extremsport. Niemand hat Frauen gefragt, was sie eigentlich brauchen. Genau da setzt heute noola an.
noola gibt es, weil du etwas gebaut hast das du selbst gebraucht hättest. Was sagt das über die Marken aus, die vorher da waren?
Dass sie nie wirklich für Frauen gemacht waren. Der ganze Energy-Markt war auf Männer ausgelegt, auf Gaming und Gym, und Frauen waren bestenfalls eine Zielgruppe, die man mitgenommen hat.
Ich setze komplett neu an. Ich baue noola nicht nur für Frauen, sondern mit ihnen. Wir haben fast 600 Frauen in unserer Co-Creation-Community, die Produkte blind gegen den Wettbewerb verkosten, Inhaltsstoffe bewerten und über neue Geschmäcker mitentscheiden. Und die den Kern der Marke mit aufbauen: das Cheerleading unter Frauen, die im Alltag viel leisten und trotzdem selten gesehen werden.
Das ist im Kern auch der Unterschied: Vorher wurde über Frauen entschieden. Bei noola entscheiden sie aktiv mit.
Du zeigst öffentlich, wie eine Marke entsteht - mit allen Unsicherheiten. Was hat dich das über Führung gelehrt, das du in keiner CMO-Rolle gelernt hättest?
Dass Führung nicht heißt, alle Antworten zu haben. Als CMO war meine Aufgabe, souverän zu wirken. Plan steht, Zahlen liefern, nach außen Sicherheit ausstrahlen, auch wenn es innen mal gebrodelt hat.
Öffentlich eine Marke zu bauen funktioniert genau andersrum. Ich teile auch die Sachen, die nicht laufen, die Tage, an denen ich keinen Plan habe. Und das Verrückte ist: Genau dadurch entsteht Vertrauen. Menschen folgen dir nicht, weil du perfekt wirkst, sondern weil du echt bist. Theoretisch wusste ich das vorher, aber ich habe das selbst nie so gelebt.
Du bewegst dich zwischen Unternehmensaufbau, Community und privatem Leben. Was hilft dir, dabei du selbst zu bleiben?
Meine Familie und meine Freunde. Und vor allem mein Mann, der mich erdet und dem ziemlich egal ist, wie viele Follower noola hat - zu sehen, wie bedingungslos er mich von Anfang an auf so vielen Ebenen supported, ist unfassbar wertvoll.
Vielleicht auch meine bayerischen Wurzeln, die mich davor bewahren, mich selbst zu wichtig zu nehmen.
Und natürlich unsere Community. Wenn ich mit den Frauen rede, merke ich jedes Mal aufs Neue, warum ich das genau so mache. Das hilft am meisten: nicht so tun, als hätte ich alles im Griff. Ich darf auch mal überfordert sein. Das macht mich nicht zu einer schlechteren Gründerin, sondern zu einer ehrlichen. Von meiner Mama durfte ich lernen, dass ich alles schaffen kann, wenn ich nur an mich glaube - das Gefühl von Selbstwirksamkeit kann man schwer beschreiben. Aber am Ende weiß ich tief in mir drinnen einfach, dass es gut wird.
Wenn du heute jemandem erklärst was Erfolg für dich bedeutet - wie klingt das, verglichen mit dem was du vor zehn Jahren geantwortet hättest?
Erfolg bemisst sich für mich ganz klar an Wachstum, das will ich gar nicht kleinreden. Ich bin ambitioniert und habe vor, mit noola eine große Multi-Millionen-Marke aufzubauen. Denn ich glaube wir können wahnsinnig viel verändern, wenn wir Millionen von Frauen erreichen und gemeinsam mit ihnen Produkte entwickeln, die perfekt in ihren Alltag passen und ihn ein Stück leichter, energetischer und besser machen.
Vor zehn Jahren hätte ich an dieser Stelle aufgehört. Da war Erfolg, der größere Titel, das größere Budget und vor allem etwas, das andere mir bestätigen.
Heute sieht das komplett anders aus: Erfolg heißt auch, jeden Morgen aufzustehen und mir gar nicht vorstellen zu können, an etwas anderem zu arbeiten als an genau dieser Marke, mit all diesen wundervollen Frauen. Wenn sich die Zeit, die du investierst, schon jetzt wie ein Gewinn anfühlt, kann es eigentlich kaum besser werden.









